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Über Dankbarkeit und die zwei Wölfe

Ihr kennt wahrscheinlich die Geschichte: abends am Lagerfeuer erzählte ein Großvater, vielleicht war es auch eine Großmutter, dem Enkelkind von den zwei Wölfen und ihrem Kampf in uns:
Der eine Wolf ist voll von Zorn, Neid, Eifersucht, Sorgen, Schmerz, Arroganz,
Selbstmitleid, Schuld und Minderwertigkeitsgefühlen.
Der andere Wolf ist voll von Freude, Frieden, Hoffnung, Heiterkeit, Demut, Wohlwollen, Großzügigkeit, Aufrichtigkeit und Mitgefühl.
Das Enkelkind dachte einige Zeit über die Worte nach und fragte dann: “Und welcher der beiden Wölfe gewinnt den Kampf?” Und Großmutter/-vater antwortete: „Der, den du fütterst!“

Es gibt keinen Schalter, den wir in uns umlegen können, um den zweiten mehr zu füttern. Und manchmal ist es wirklich gut, dass es den ersten gibt. Eine kleine und schöne Übung aber für den zweiten Wolf wäre: erzählt euch doch heute mal beim Abendbrot, welche schönen drei Momente ihr heute erlebt habt. Und morgen wieder. Das fetzt, versprochen!


Steinherz

beat the first bird

Mein Wecker klingelt um 4.00 Uhr; ich will heute vor dem ersten Vogel draußen sein. Dem Tag beim Aufwachen zuschauen und -hören.
Um 4.30 Uhr komme ich an der Kastanie am Wasser an, es ist dunkeldunkel. Der erste Vogel war längst vor mir wach. Die Vogeluhr des Nabu sagt, dass ca. 80 Minuten vor dem Sonnenaufgang (heute übrigens um 5.58 Uhr in Berlin) der Gartenrotschwanz anfängt zu singen. Großstadtvögel scheinen das anders zu sehen. Meine Recherche ergab, dass die das tatsächlich anders handhaben als ihre Kollegen auf dem Land. Macht Sinn: es ist heller, lauter, dem muss man vielleicht auch als Vogel etwas entgegen setzen. Kohlmeisen und Amseln höre ich schon um 4.50 Uhr, während zur gleichen Zeit der Himmel hell wird im Osten. Fledermäuse fliegen 1, 2 m an mir vorbei. Aus dem Plänterwald weht zarter, knoblauchartiger Wunderlauchduft zu mir herüber. Gegen 5.10 Uhr fliegt eine Eule in die Bäume rechts von mir.
Als es heller wird erkenne ich zwei Reiher oder Kormorane gegenüber auf der Insel; hoch in den Bäumen Richtung Osten und Richtung Licht. Sonnenaufgangstechnisch haben sie damit den besten Blick ergattert. Um 5.12 Uhr schwimmt ein Biber vorbei. Cool. 5.20 Uhr treffen sich zwei Stockentenpaare auf dem Wasser, unterhalten sich kurz und schwimmen wieder ihrer eigenen Wege; 5.37 ziehen elf Schwäne an mir vorbei. Pünktlich zum Sonnenaufgang um 5.58 paaren sich Kohlmeisen im Baum neben mir. Die erste Hummel dreht um 6.25 Uhr ihre erste Runde. Als der Kormoran um 6.34 Uhr seinen Aussichtspunkt verlässt (jetzt hat er sich erkennen lassen!), mache ich mich auch auf den Weg nach Hause.
Morgens merkt man: es gibt unglaublich viele Abstufungen von hell.
Man könnte Ruhe in der Natur suchen; ich merke: es ist wirklich aufregend da draussen! Der Frühling ist da und mit ihm eine enorme Packung an Lebensenergie. Geht mal gucken.


Morgentausonnenaufgänge

Der Begeisterungstrick

An einem Herbsttag letztes Jahr war ich im Wald unterwegs. In meinem Kopf lief so ein klassischer Film, der läuft und läuft und läuft. Das Um-mich-herum hab ich eher wenig wahrgenommen. Das kennen bestimmt die meisten.
Irgendwann vorher hatte ich angefangen ein kleines Interesse für Vögel zu entwickeln, als erstes die Amsel. Es passierte immer häufiger, dass ich sie sah und nach und nach auch immer mehr Arten. Spannend daran war u.a., dass ich gar nicht unbedingt aufmerksam (meiner Meinung nach) durch die Welt spazierte. Sie waren plötzlich einfach überall, die Vögelchen.
Und diese kindliche Begeisterung bewirkte, dass ich…oh! Eine Amsel! – so ungefähr.
Zurück zum Herbsttag: ich hatte mich gerade an einen Baum gesetzt und ließ den Film weiterlaufen. Plötzlich, Krach, was ist da los? Ein Specht meinte an ‚meinem Baum‘ rumhämmern zu müssen!
Erwischt. Ich hab mich so erschrocken und dann so gelacht. Da hatte der mich doch glatt von meinem Film abgehalten. So was.

Wir sehen übrigens oben ein Amselweibchen und unten ein Amselmännchen.
(Fotos: birds-online.ch und wildlife-media.at)


Amseln

Frühfühlfrühling

Dieses Fleckchen Grün mitten in Berlin birgt trotz seiner kleinen Fläche große Überraschungen. Heute zum Beispiel zaunpfahlartige Hinweise auf den Frühling, am 28. Januar. Blühende Winterlinge, Scheeglöckchen und Krokusse und sich nicht kleinkriegenlassende Gänseblümchen (die haben diesen Winter einfach durchgemacht!). Energisch lebendig zeigte sich ein kleiner, frecher und sehr entzückender brauner Vogel, seines Zeichens Frau oder Herr Zaunkönig (leider unscharf weil zu fix); an meinem aufgehängten Apfel schaukelte eine Kohlmeise, nebenan nahm eine Blaumeise ein intensives Wasserbad, die Tauben ruruten vor sich hin bis ein Turmfalke auftauchte und konzentriertes Wegfliegen und sich Verstecken verursachte.
Früher hätte ich nur einen Bruchteil davon bemerkt. Manche Dinge können sich ändern. Gut, oder?

Jan2018_Collage

Über Dankbarkeit und Fuchsspuren

Was ist das eigentlich mit dieser Dankbarkeit? …vielleicht zum Beispiel so:

Ich bin dankbar, dass ich heute nach längerer Zeit mal wieder Hinweise auf meinen Friedhofsfuchs gefunden habe: schöne, klare Spuren auf frisch geharktem Boden. Sie ist noch da!
Waldweg schreibt: „Heute habe ich ein ganz anderes Thema im Sinn, das vielleicht auf den ersten Blick gar nicht zu den anderen Themen hier passt. Denn es geht um Dankbarkeit. Das hat natürlich erstmal nichts mit Naturerfahrungen zu tun. […] Es geht um die kleinen Dinge, um das vermeintlich Selbstverständliche, bei dem wir erst, wenn wir es nicht mehr haben, merken, wie wichtig es ist. Auch ich vergesse das immer wieder.“

Aus dem waldweg-blog – hier gehts weiter: http://waldweg-blog.de/dankbarkeit/.

Fuchsspuren

Herbstzeit, Erntezeit

Die letzten Tage brechen an, an denen noch Laub auf die Erde weht. Wir wollen den Sommer nicht gehen lassen, sind draußen, solang noch warme Sonnenstrahlen zu finden sind. Es duftet nach Pilzen und feuchter Erde.
Wir wollen nicht wirklich, aber die Natur, auch unsere, zieht sich zurück. Ein Jahr ist geschafft. Manchmal kommt Trauer auf oder Melancholie. Vielleicht fehlt uns auch einfach der Elan des Sommers. Zwei Monate lang noch wird es jetzt mit jedem Tag weniger hell sein.
Es ist aber auch die Zeit, in der wir zurückblicken auf das, was wir geschafft haben, uns darüber freuen können und es vielleicht auch mit anderen teilen.
Herbstzeit, Zeit der Ruhe.


Collage_Herbst

Fuchssonnenliegeplatz

Ich habe frei, die Zeit zwischen wegfahren und wegfahren. Ich hatte Einiges vor, stattdessen hab ich am Rechner gehangen (was durchaus interessant war, mich trotzdem nicht sehr wohlgefühlig werden ließ).

Meine Wildnislehrer meinten ja, es würde still werden auf dem Sitzplatz ab der Sommersonnenwende, ich wollte das nur nicht glauben. Es war aber so und daher auch nicht sehr aufregend auf meinem Friedhofssitzplatz im Friedrichshain. Kaum Vögel zu sehen oder zu hören, lediglich mehr Schmetterlinge (für die ich noch kein Faible entwickelt habe).

Ich war also deutlich weniger enthusiastisch auf meinen Sitzplatz zu gehen, als sonst. Aber. Der innere Frieden will gehütet werden. Es ist wunderbar gelassen zu sein und das kommt eher nicht vom amRechnersitzen, sondern eher vom in der Natur herumsitzen und in Alles gucken. Also los.

Ich bin dankbar als ich den Friedhof betrete, laufe in Richtung Fuchssonnenliegeplatz, keiner da, außer der Frau auf der Bank. Ab zu meiner Kastanie, da sehe ich endlich mal wieder eine Amsel. Zwar nicht mein schwarz-weißer Amselfreund, aber immerhin jemand. Kurz darauf ein paar Gartenrotschwanzweibchen, ich freue mich.

An meiner Kastanie angekommen, höre ich immer wieder ein sehr hohes Ssiieep! Den kenne ich noch nicht, auch wenn ich ihn seit April immer wieder höre.

In den letzten Wochen hat es häufig gut funktioniert, mir zu wünschen entsprechendes Tier käme doch mal vorbei, also habe ich den Wunsch rausgeschickt. Eine Viertelstunde später kam er. Ein kleiner grau-weißer Vogel (das wäre früher einer von vielen Spatzen für mich gewesen) lief den Baum 4m vor mir hoch und rief immer wieder Ssiieep!. Dankeschön. Das war wohl ein Baumläufer. Welcher, das finde ich vielleicht später raus; jetzt freue ich mich, dass er oder sie sich gezeigt hat.

Ich bin besänftigt. Doch Vögel da, alles ist gut.

Am Ende gehe ich eine Abschiedsrunde vorbei am Sonnenliegeplatz und wer ist da und guckt mich an? Der Fuchs.

Läuft.

Fuchssonnenliegeplatz

Kopfdinge, Körperdinge

Kopfdinge sind überall und immer da. Wie leben in einer Gesellschaft, die zu einem Großteil aus Kopfdingen besteht: wir denken und reden und planen, hängen in der Zukunft und Vergangenheit, seltener im Jetzt. Besonders uns (Groß-)Stadtmenschen geht das so.

Und jetzt freuen wir uns, dass der Sommer da ist. Wir sind wieder draußen, sehen wieder einen Sonnenuntergang, wagen uns abends auf den Balkon oder die Wiese, fahren manchmal an den See. Unser Körper freut sich und wir schaffen es ab und zu einfach dazusitzen oder durch den Wald zu gehen und zu genießen. Da sind sie, die Gefühle, da ist sie, unsere Wahrnehmung. Wir riechen die Blüten, spüren den Wind auf zunehmend nackterer Haut, schmecken die neuen Früchte des Jahres. Wir werden wieder ein bißchen ganzer.


Mai_Sonnenuntergang_Rügen

Der Sitz

Ich bin werdende Wildnispädagogin und lerne, wie Großstadt und Wildnis Hand in Hand gehen (können). Eine Methode der Wildnispädagogik ist der sogenannte Sitz. Das ist ein Platz in der Natur, den man sich sucht und an dem man dann möglichst regelmäßig, angelehnt an einen Baum, sitzt und per Eulenblick das Um-sich-herum wahrnimmt. Beim Eulenblick (eine weitere Methode der Wildnispädagogik) fokussiert man nicht, wie wir das in unserem Alltagsleben fast immer tun. Beim Eulenblick lassen wir unsere Sicht weit werden und nehmen selbst kleinste Bewegungen am Rande unseres Sichtfeldes wahr. Meditation hat für mich bisher nicht funktioniert. Der Sitz plus Eulenblick schon. Ich kann an meinem Sitz eine Stunde verbringen, sehr entspannt sein und gar nicht merken, dass Zeit vergeht. Großartig. Heut morgen kam neben den sehr zahlreich vertretenen Vögel tatsächlich ein Fuchs vorbei, mitten in Berlin. Schon schön!